Seit einigen Jahren bewähren sich Grundlagen der Montessori-Pädagogik in einer Reihe von Kindergärten und Vorschulprojekten des nehemia teams in verschiedenen Ländern dieser Welt. Wolfgang Oelschlegel, Pädagoge und Leiter des nehemia teams auf Borneo, erklärt, was es mit dieser Methodik auf sich hat.

Zunächst einmal ist die Montessori-Pädagogik keine Philosophie, beruhend auf anthroposophischer oder sonstiger Weltanschauung, sondern ein umfassendes pädagogisches Konzept, basierend auf empirischer Forschung. Maria Montessori, eine katholische Christin, geboren Ende des 19. Jahrhunderts und erste Ärztin Italiens, beobachtete Kinder, vor allem im Alter bis zu sechs Jahren, in ihrem Lebens- und Lernumfeld, aber auch ihrem sozialem Umfeld. Daraus leitete sie Prinzipien für die gezielte Entwicklung der Kinder ab.

Grundlagen

Gleichwohl ist das Konzept ein holistisches: Ihrer Zeit weit voraus verstand Maria Montessori das Kind als Ganzes, als sich entwickelnde, aber komplette Persönlichkeit, nicht als eine geringer wertige Vorstufe eines Erwachsenen. Jedes Kind, so Montessoris Erkenntnis, drängt von sich aus darauf, diese Persönlichkeit zu entwickeln. Es will erforschen, will verstehen, will „Baumeister seiner selbst“ sein. Seine Aufforderung an den Erziehenden bzw. Begleitenden ist: „Hilf mir, es selbst zu tun”.

Etwas einfacher ausgedrückt, saugen Kinder wie ein Schwamm von Geburt an über alle Sinne die Reize ihrer Umgebung auf und verarbeiten sie in ihrem Entwicklungsprozess. Dabei durchlebt das Kind verschiedene „sensible Phasen”. Dies sind Zeiten, in denen das Kind in einem Bereich besonders empfänglich ist und deshalb interessiert und intensiv lernt. Wichtige Bereiche sind die Verfeinerung der Sinne und der Motorik, soziale und emotionale Kompetenz, Fähigkeiten, die für das Meistern des täglichen Lebens nötig sind. Dazu gehören natürlich auch die Entwicklung der Sprache sowie Mathematik und Logik.

Einen besonderen Stellenwert hat die „kosmische Erziehung”. Montessori begriff den Menschen als gott-geschaffenes Wesen, dem im kosmischen Ganzen der Schöpfung eine gestaltende und bewahrende Aufgabe anvertraut ist. Dazu braucht es Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Gerade die charakterliche Entwicklung des Kindes wird deshalb nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt gefördert.

Was theoretisch trocken klingt, drückt sich ganz konkret in der Gestaltung des Lernumfelds, des sogenannten „Lernapparates” und der Gestaltungsprinzipien der Lernprozesse aus. 

Alles Lernen ist zielgerichtete Beschäftigung und was für den Erwachsenen aussehen mag wie ein Spiel, ist für das Kind Arbeit.

Die vorbereitete Umgebung

Der Erzieher trägt die Verantwortung für die Gestaltung von Lernraum und Lernmaterial. Die vorbereitete Umgebung gibt dem Kind die Möglichkeit, sich nach und nach vom Erwachsenen zu lösen und selbstständig die Fähigkeiten zu erwerben, die es für seine Unabhängigkeit benötigt. Die Kinder lernen, Raum und Material zu schätzen und zu pflegen. Das Mobiliar und Material sind kindgerecht auf die Proportionen des Kindes abgestimmt und können von den Kindern selbst getragen werden. Die Ästhetik der Bewegung, Rücksichtnahme auf die anderen und Wertschätzung der Stille (des Innehaltens) werden gezielt geschult.

Die Materialien und die Umgebung selbst verfügen über eine „äußere Ordnung“, sind also übersichtlich angeordnet und werden aufgeräumt aufbewahrt. 

Diese äußere Strukturiertheit soll dem kindlichen Geist als Orientierung dienen und letztendlich auch zu einer inneren Ordnung führen.

Die Umgebung ist attraktiv und ästhetisch gestaltet und besitzt so Motivationscharakter. Das Kind soll dadurch Geschicklichkeit erwerben und Wertschätzung für die Dinge erlernen.

Entdeckendes Lernen

Alle Materialien und Gebrauchsgegenstände sind von hoher Qualität. Das attraktive Aussehen sowie die Anordnung im Raum geben dem Material Aufforderungscharakter. Das Material ist frei zugänglich in Greifhöhe der Kinder in Regalen angeordnet. Jedes Material ist nur einmal vorhanden: so sollen die Kinder Rücksichtnahme und den Wert des einzelnen Materials schätzen lernen. 

Die Kinder wählen selbstständig und frei, entsprechend Entwicklungsstand und „sensibler Phase”, mit welchem Material sie arbeiten wollen. Sobald der Erzieher ein Interesse feststellt, wird das Material von ihm „dargeboten“. Er führt das Kind dann in den Gebrauch des Materials ein. Dabei ist Ziel, dass das Kind eine Beziehung zum Material aufbaut. Sobald das Kind mit dem Material arbeitet, kann sich der Pädagoge zurückziehen.

Montessori-Lerngruppen sind altersgemischt und folgen dem Ideal einer Familie. Gemäß Alter und Entwicklungsstand übernehmen Kinder Verantwortung und Pflichten, die älteren werden zum Modell für die jüngeren.

Friedensreich Hundertwasser, Herman van Veen, Jeff Bezos – allesamt waren Montessori-Schüler. Man darf gespannt sein, was aus den Kindern in den nehemia-Kindergärten auf Borneo einmal wird …

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